Dubiose Online-Shops: Das Phantom im Internet

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Dubiose Online-Shops: Das Phantom im Internet

Dubiose Onlineshops Bestellt, bezahlt und nicht geliefert

Das Phantom im Internet: Seit Jahren fallen Verbraucher auf Karsten Uwe Gräfes Onlineshops herein. Seine Geschichte zeigt, wie schwer Staatsanwälte dubiose Onlinehändler zu fassen bekommen.


Von Olga Scheer
Donnerstag, 13.04.2017 11:33 Uh

Für Lisa Hofmann geht es um rund 800 Euro. Und um eine Kamera, die sie unbedingt haben wollte. Eine Kamera, die eigentlich viel mehr kostet, aber mehr konnte die Studentin nicht aufbringen. Hofmann heißt eigentlich anders. Aber sie möchte lieber nicht über sich lesen, dass sie im Internet abgezockt wurde. Bezahlt hat sie per Vorkasse. Die Kamera hat sie nie bekommen.

74.421 Fälle von Warenbetrug im Internet gab es laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2015 in Deutschland. Hofmann ist nicht die Einzige, die einem Onlinehändler wie Tesento Geld überwiesen hat, ohne Ware zu bekommen. Im Fall Tesento hat Gunda Lauckenmann, die das Onlineportal Verbraucherschutz.de betreibt, bereits mehr als 300 Mails bekommen.

Lauckenmann weiß, wer hinter Tesento steckt. Sie steht mit dem Geschäftsführer in E-Mail-Kontakt. Und Lauckenmann weiß auch: Es ist derselbe Mann, der vor zwei Jahren unter anderem die Website Telco-Tec betrieben hatte, einen anderen Onlinehandel, der bestellte Ware nur selten wirklich versendete. Der Mann heißt Karsten Uwe Gräfe.

Die Spur führt ins Ausland
Karsten Uwe Gräfe beziehungsweise Marcus Reimann. Denn zu Telco-Tec-Zeiten im Jahr 2014 trat Gräfe unter diesem Pseudonym auf. 89 Websites betrieb er damals nach eigenen Angaben. Im Impressum fand man diverse falsche Informationen, zum Beispiel Telefonnummern wie 123-456-7890. Waren wurden nur selten geliefert. Die meisten seiner Unternehmen waren im Ausland ansässig, Gräfe selbst wohnte in Thailand.

Vor Telco-Tec hatte Gräfe schon ein Portal namens "Siam Reisen - Thailand Travel & Tours" betrieben. Auch damals beschwerten sich viele Kunden, Geld für Flugbuchungen überwiesen zu haben, die dann nie durchgeführt wurden. 2008 wurde ein Insolvenzverfahren über Gräfes Privatvermögen eröffnet. Doch der Insolvenzverwalter konnte nicht an Gräfe herankommen. Er war ja in Thailand.

Bestellt, bezahlt und nicht geliefert: Es war offenbar immer dasselbe Prinzip, mit dem Gräfe im Internet Geld verdient. Im Fall Tesento liegt der Verdacht nahe, dass es wieder so ist. Wie kann es sein, dass jemand, gegen den bereits wegen Betrugsverdachts ermittelt wurde, immer wieder dieselbe Masche abziehen kann?

Fragt man Gräfe, was hinter seinem Geschäftsmodell steckt, streitet er alle Vorwürfe ab. Er könne die Ware so billig anbieten, weil er sie im asiatischen Raum günstig beschaffe, teilt er mit. Grund für die aktuellen Lieferengpässe seien Serverausfälle. Kunden, die keine Ware bekommen haben, verspricht er ihr Geld zurück.

Nur schwer nachweisbar
Fragt man bei der Staatsanwaltschaft Berlin nach, stellt sich heraus, dass sie zwar schon einmal gegen Gräfe wegen Verdachts auf Betrug ermittelt hat, die Fälle dann aber an andere Staatsanwaltschaften abgab, zum Beispiel nach Darmstadt. Ruft man dort an, sagt die Staatsanwaltschaft allerdings, man habe den Fall nach Berlin abgegeben.

Fragt man weiter nach, stellt sich heraus, dass in jedem einzelnen Fall die Ermittlungen eingestellt wurden. Keine Staatsanwaltschaft hat je Anklage erhoben. Die Fälle seien nicht konkretisierbar, heißt es zur Begründung. Auf gut Deutsch bedeutet das: Man kann Gräfe nicht nachweisen, dass er Ware absichtlich nicht liefert.

Ein Serverausfall könnte ein plausibler Grund für die Lieferengpässe sein, sagt auch Kathrin Körber von der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Vielleicht sei er auch einfach schlecht organisiert. Rein rechtlich gesehen sei es für Gräfe zudem jederzeit möglich, seine Angebote für die beworbenen Waren zurückzuziehen - sofern er den Kunden das Geld zurückzahlt, das sie ihm per Vorkasse überwiesen haben.

Bei Kunden, die massiv Druck machen, tut er das auch. Genau das ist das Problem der Staatsanwaltschaften. Und Verbraucher, die sich nicht genügend wehren, gehen oft leer aus. Von ihren Zahlungen lässt es sich in Thailand womöglich ganz gut leben - zumindest solange es Verbraucher gibt, die allzu leichtfertig Geld per Vorkasse an dubiose Onlinehändler überweisen.

Lisa Hofmann hat letztlich einen Anwalt eingeschaltet. Nach einigem Hin und Her hat Gräfe ihr die rund 800 Euro zurückgezahlt. Aber eben auch genau das könnte zur Masche gehören.
 
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